Ein Haus voll Ordnung und kreativem Chaos

Zurzeit ist es modern, Gründern Großes mit auf den Weg zu geben. Nicht nur, dass sie „alles schaffen können“ (was automatisch zur Folge hat, dass sie es auch müssen), sie sollen den Markt verändern, ganz neue Märkte kreieren und Spielregeln umdrehen. In den Niederungen der Ebene angekommen, plagen sie sich dann mit Exceltabellen, Businessplänen und den ganz privaten Herausforderungen des Lebens.

Wo ist es sinnvoll, Grenzen zu übertreten, eigenen Visionen zu folgen und vielleicht sogar Brücken hinter uns einzureißen, nachdem wir neue Ufer erreicht haben? Und wo folgen wir besser dem Ruf nach Ordnung, Struktur und berechenbarer Kontinuität? HOME Office ist ein Modell, das versucht, diese Fragen zu sortieren und Antworten zu geben.

Ein etabliertes Unternehmen ist wie ein Haus oder eine Wohnung: drinnen stehen Regale und Schränke zur Verfügung, Abläufe der darin lebenden Familie sind gut eingespielt. Wird die Zuwendung zu einem neuen Thema, zum Beispiel „Social Media“, vom Familienrat beschlossen, kann es relativ geräuschlos und schnell einsortiert werden: es findet seinen Platz im dafür vorgesehenen Zimmer.

Gründerinnen und Gründer haben noch gar kein Haus, sie haben bestenfalls eine vage Phantasie, wie sie demnächst leben möchten (in der Regel soll vor allem alles anders sein, als bei den Eltern). Eine Gründung ist wie ein Urknall. Alles, was in der Ursuppe dieser Explosion angelegt ist – Ideen und Visionen, gemachte Erfahrungen aus Erfolgen und Misserfolgen – wird sich später im ausgestalteten Geschäftsmodell als Teil der Unternehmenskultur widerspiegeln. Es stimmt also: Gründerinnen und Gründer sind Game-Changer, Visionäre und Herausforderer. Das ist gut so, schließlich entfaltet eine Gründungsidee eine ganz besondere Energie in uns. Tatsache ist aber auch: wir alle sehnen uns nach täglichen Routinen, nach Regeln und nach ausgelatschten – also bewährten – Pfaden. Menschen ebenso wie Unternehmen brauchen beides: eine Idee, die uns antreibt und eine Komfortzone, die uns Schutz bietet.

Aus vier Räumen besteht ein Unternehmen, egal ob frisch gegründet oder fest etabliert:

  • Aus Ordnung: erst wenn Prozesse eingespielt sind, können sie sich kontinuierlich verbessern lassen. Optimierte Prozesse geben uns die Möglichkeit, die Qualität unserer Arbeit zu überprüfen und zu verbessern.
  • Aus Professionalität. Nicht nur auf unserem Gebiet gute Leistungen anzubieten (exzellente Kitas und Schulhorte als sozialer Träger, hervorragende Mahlzeiten als Caterer), sondern auch im Hintergrund: funktionieren meine Verwaltung, mein IT Netzwerk, mein Marketing? Für all diese komplizierten Fragen benötigt ein Unternehmen gute Ansprechpartner, entweder im Team oder außerhalb.
  • Wenn all das gegeben ist finden wir die Muse, an morgen zu denken, funktionierende Unternehmen haben eine Idee von der Zukunft. Welches Produkte bieten wir demnächst an, welche werden überhaupt gebraucht? Wie entwickelt sich die Welt und welche Rolle können und wollen wir darin spielen?
  • Der letzte Raum ist Chaos, und der Umgang damit kann entscheidend für den Erfolg unseres Unternehmens sein. Wir können versuchen, chaotische Situationen auszusperren, zum Beispiel durch die Entwicklung von Ablaufroutinen im Brandfall – irgendwann kommen sie dann doch. Diese Situationen sind erstens Spielräume für spontane Entwicklungen (ob Teflon oder Tesa-Band, Penicillin oder Vaseline – viele Erfindungen verdanken wir dem Zufall), sondern auch ein guter Test unserer etablierten Strukturen: wie gut funktionieren wir, wenn es einmal drunter und drüber geht? Das Chaos lässt sich nie ganz vermeiden, aber manchmal ganz gut nutzen.

Alle Unternehmen folgen grundsätzlich dem hier angedeuteten Bauplan, er ist universell. Ein großer Unterschied liegt aber in der Gewichtung: etablierte Unternehmen punkten mit optimierten Prozessen, in die sich alle Aspekte der Unternehmensführung gut einpflegen lassen. Diese Perspektive birgt die Gefahr, dass zukünftige Entwicklungen verpasst, verpennt, verschnarcht oder hochnäsig ignoriert werden – Kodak, Nokia und Microsoft lassen grüßen!

Gründerinnen und Gründer sind stark im kreativen Chaos. Sie haben nicht nur eine Idee von der Zukunft, sie sind die Idee. Für sie kommt es jetzt darauf an, Prozesse in den kommenden Jahren zu etablieren, Fehler zu machen, möglichst schnell und billig immer wieder an die Wand zu fahren – um so den Erfahrungsschatz auszubauen und immer besser zu werden.

 

Oliver Schmidt Oliver Schmidt ist Unternehmens- und Gründungsberater und schreibt im .garage Blog als Gastautor. In seinem eigenen Blog beschreibt er unter dem Stichwort HOME Office aktuelle Fragen und neue Wege im Management. Am liebsten erklärt er der Welt die Welt in Vorträgen und Workshops im Spannungsfeld aus Marketing und Nachhaltigkeitsmanagement.

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *