.gründer-Dienstag spezial / Glücklich ohne Geld – eine Nachbereitung

Gut Ding will manchmal Weile haben. Frisch erholt von dem 4.Weltmeistertitelgewinn der deutschen Fußball-Elf und unserem 8. Geburtstag blicken wir heute auf den .gründer-Dienstag spezial zum Thema „Glücklich ohne Geld“ zurück. Ein Video des Abends finden Sie auf dem .garage berlin Youtube-Kanal. Für alle, die lieber lesen als gucken: Zentrale Punkte des Abends haben wir an dieser Stelle noch einmal für Sie zusammengefasst. (Kirsten Kohlhaw)

Die Besucher zeigen eine Sehnsucht nach Praxis und zugleich – eine große Verunsicherung. Viele engagieren sich bereits, doch tun sie es genug und: Was ist richtig, was ist falsch? Was kann die Einzelperson tun, ohne sich zu überfordern oder zu resignieren? Das Interesse an noch mehr Informationen darüber, wo verlässliche, unabhängige Quellen sind und was man konkret machen kann, ist entsprechend groß: Wie werden Dinge hergestellt, wie wird man selbst zum Hersteller, wievermeide ich aktiv Lebensmittelverschwendung und produziere möglichst wenig Müll? Die wachsende Akzeptanz von und Begeisterung für FoodSharing und Urban Gardening sind Ausdrücke dieses Wunsches nach Partizipation und gerechter Umverteilung. Die Angebote sind der Hippieecke und Idealistennische längst entwachsen. Die Notwendigkeit ist im Mainstream angekommen: Plattformen wie Trenntstadt Berlin, eine Initiative der BSR und ALBA Berlin sowie Berlin Recycling und Stiftung Naturschutz, stellen grüne Vorreiter vor und aktivieren zum Mitmachen.

Upcycling, Neu- und Hochwertiges aus wiederverwerteten Stoffen, findet mehr und mehr Eingang in den Alltag. Nachdem Retro erst nur schick war, hat sich auch ein ästhetisch hedonistischer Trend zum ganzheitlichen Bewusstsein gemausert: Reparieren statt wegwerfen. Dass diesem Verbraucherwunsch in der Produkt-Industrie mit geplanter Obsoleszenz gegengesteuert wird, verweist lediglich auf die Komplexität des aus dem Ruder gelaufenen Kreislaufes. Doch vieles lässt sich (noch?) reparieren.

Einrichtungen wie das Repair-Café, das u.a. im Rahmen von Kunst-Stoffe Berlin oder der Klimawerkstatt Spandau stattfindet, bieten tolle Möglichkeiten zum aktiven Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft, beides Initiativen von Corinna Vosse. Der zu diesem Bedürfnis passende Trend ist Low-Tech (statt High-Tech!). Low Tech zelebriert Simplizität, damit Dinge auch selbst repariert werden können: Einfache Funktion, einfache Herstellung, einfache Bedienung, Robustheit, einfache Wartung. Also das Gegenteil von mysteriös und glatt glänzenden Außenschalen, von denen wir uns haben verzaubern und in hilflose und letztlich unmündige, weil entfremdete Verbraucher haben verwandeln lassen.

Die promovierte Wissenschaftlerin Corinna Vosse beeindruckt durch das, was sie tut. Aus ihrer Sehnsucht nach aktivem Handeln sind in den vergangenen Jahren bereits zwei Institutionen erwachsen: die oben erwähnten Klimawerkstatt Spandau und Kunst-Stoffe Berlin. Gerade die Kunst-StoffeBerlin sind ein äußerst gelungenes Beispiel dafür, wie Bedürfnisse und Angebot sich verbinden und gemeinsam wachsen. Entsprechend handlungsorientiert ist auch ihr neues Projekt: Die noch junge Akademie für Suffizienz in Reckenthin in der Gemeinde Groß Pankow im Landkreis Priegnitz entwickelt gemeinsam mit ihren Akteuren Modelle für gelebte Suffizienz.

(Suffizienz kommt von lat. sufficere und bedeutet „ausreichen“ oder „genug sein“. Suffizienz-Strategien zielen darauf ab, den Ressourcenverbrauch und die Nachfrage nach Gütern durch Verhaltensänderungen und soziale Innovationen zu senken sowie Rahmenbedingungen zu schaffen, die suffizientes Verhalten ermöglichen und fördern.)

Stets geht es Vosse um neue Formen des ökologischen Wirtschaftens, um eine gesellschaftliche Neubewertung des Verhältnisses von Lohnarbeit und persönlicher Arbeit, sei es handwerklich, produzierend, pflegend. Im Kontakt mit sich selbst als Teil eines natürlichen Kreislaufes.

Wie lerne ich, auf das zu gucken, was ich habe? Und was kann ich daraus machen?

Wer hier genau hinschaut, bewegt sich fast automatisch auf Netzwerke zu, die sich hier engagieren. Und in denen einige wie Leuchttürme herausragen. Weil sie Vorreiter sind oder besonders radikal in der Konsequenz, mit der sie ihren Erkenntnissen Taten folgen lassen. Und Menschen mit ihrer Vision anstecken.

Raphael Fellmer ist solch ein Mensch.

Entscheidend an seinem Charisma, seiner Ausstrahlung und seiner ganzen Persönlichkeit ist nicht die Frage ob er komplett widerspruchsfrei ist in seiner Konsumverweigerung und Unabhängigkeit vom Geld. Sondern vielmehr die Tatsache, dass er einfach voranschreitet im Dschungel hochkomplexer Interessen, deren wahre Motivation oft gut getarnt bleibt und sich spät oder dem privaten Bürger und Individuum gar nicht offenbart. Fellmer ist und bleibt Mensch. Er macht auch Fehler und zwingt seinem Umfeld nichts auf. Als Familienmensch stellt er beispielsweise das Wohl seiner Lieben stets an erste Stelle. Er sammelt Erfahrungen, die wir wiederum dann nutzen können um Mut fassen, denn etwas zu tun, bewusst, nicht aus blindem Aktionismus heraus, ist in jedem Fall und allemal besser, als gar nichts zu tun und sich den Umständen, die uns in unserem Menschsein bedrohen, kampflos zu ergeben. Es ist inspirierend, ihn in seiner unverrückbaren Klarheit zu erleben. Jeder kann immer etwas tun. Diese bewusste Entscheidung bietet er uns an. Sein Weg ist entschieden: „Wenn man seine Vision einmal gefunden hat, respektive sie einen gefunden hat, kann man da auch wenig machen, dann muss man da einfach mit.

Auch Frank Becker hat Sehnsucht nach Handeln auf der Grundlage dessen, was wir jetzt schon wissen. Er verlangt nach immer mehr praktischen Ansatzpunkten auf einer Ebene, auf der Leute sich einbringen können und nennt in dem Zusammenhang das Beispiel Nachbarschaftsladen. Einer Stimme aus dem Publikum, die rief: „Wir müssen jetzt sofort handeln, sonst existieren wir in den nächsten 30 Jahren nicht mehr!“ setzt er ruhig entgegen, dass das nur erschrecken, Angst erzeugen und lähmen würde. Wichtig sei hingegen so gut weiterzumachen, wie man könne ohne zu resignieren. Engagiert plädiert er für pragmatische Ansätze. Auf den Zuruf aus dem Plenum „Wir brauchen noch mehr Informationen!“ verdeutlicht er einmal mehr: Nein, auch auf der Basis dessen, was wir heute wissen, ist es möglich, Erfahrungen zu sammeln und auf Grundlage dessen, was wir hier erleben, weiterzugehen.

Hier berührt er einen zentralen Ansatzpunkt von Carsten Hokema, moderator und Inhaber von innodate. Der Experte für Entrepreneurship fordert, die Ideen der Weltverbesserer müssen mit Methoden und Ansätzen des Entrepreneurship verbunden werden, um vernünftige Lösungen zu liefern. Auch jenseits einer Ökonomie, die nur nach Umsatzsteigerung und Skalierbarkeit verlangt. Hokema ist überzeugt: Das ist das nächste wichtige Stein in der Mauer, die das neue Haus trägt. Diese Idee der genauen Beobachtung von exemplarischen Prototypen, die eine rasche Kurskorrektur ohne übermäßiges vorheriges Investment ermöglichen, erinnert an die „fail cheap, fail fast, fall forward“ -Philosophie der Start up-Szene.

Er ist überzeugt, die Szene braucht den unternehmerischen Spirit, um weiter gemeinsam voranzukommen, um Dinge ins Leben zu bringen, die funktionieren. Was ist schon gut, was darf so bleiben, die bereits existierenden Modelle, Ideen, Versuche und Bootcamps müssten nun in eine neue Phase eintreten und sich einer Neubewertung unterziehen. Entrepreneure hören an einem Punkt X auf, weitere Infos zu sammeln und gehen raus auf den Markt um praktisch (!) zu testen. Für das Feld der ökologischen, energetischen Nachhaltigkeit wünscht er sich mehr Verzahnung von Forschung und handlungsorientierten Initiativen in Richtung eines unternehmerischen Vorstoßes. Prototypen entwickeln und ausprobieren. Hier fehle nach wie vor eine Systematisierung und Bündelung von Interessen und

Klassische Machbarkeitsstudien hingegen, das machte er mir gegenüber in einem Gespräch am Rande des erkenntnisreichen Abends noch mal deutlich, seien nicht mehr als intellektuelle Handlungsvermeidung. Lachend zitierte er einen Universitätsprofessor, der ihn damals mit Eames in Kontakt gebracht hat. Dieser habe über die Verkopftheit und Realitätsferne von Machbarkeitsstudien stets gesagt: „Der Berg kreist und gebar eine Maus!“

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Wir befinden uns in einer Übergangsphasen zwischen den Extremen, die uns mit vielen Mischformen konfrontiert. Hybridfahrzeuge sind nicht des Rätsels Lösung, doch weisen sie im Rahmen dieser Umwandlung in die richtige Richtung. So betrachtet können wir eventuell eine positive Absicht auch hinter gesellschaftlichen Absicherungssystemen und Konzepten, die uns aus der heutigen Warte merkwürdig erscheinen, leichter erkennen.

Wenn wir alle in diesem Sinne weitermachen, so gut wir nur können, gelangen wir und sind wir in jedem einzelnen Moment an einem guten Ort.

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