Niedriglohnsektor Selbstständigkeit

„Wer nach fünf Jahren immer noch Existenzgründer ist, sollte seine Selbstständigkeit beenden.“ Das rät der DIW-Forscher Karl Brenke in einem Artikel, der gestern in der „WELT“ veröffentlicht wurde und in dem es um ein Thema geht, das laut WELT rund ein Viertel aller Selbstständigen betrifft: Das Arbeiten unterhalb der Mindestlohngrenze.

Für Arbeitnehmer wurden die Weichen im letzten Jahr gestellt. 8,50 Euro – das ist der festgeschriebene Mindestlohn für eine Stunde Arbeit. Überschlage ich das ein oder andere Projekt, das ich im letzten Jahr bearbeitet habe, dann komme ich auf einen Stundenlohn von weniger als fünf Euro. Rein statistisch betrachtet, gehöre ich damit zu dem oben genannten Viertel. Jedenfalls zeitweise.

„Selbstständige sind die neuen Niedrigverdiener“ – so titelt die Welt. Und es ist etwas dran, denn besonders im Kleinunternehmerbereich und im Sektor der freien Berufe bewegen sich viele Selbstständige weit unterhalb des gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn für Arbeitnehmer – der im Übrigen nun mit dafür sorgt, dass sich an diesem Zustand nicht viel ändern wird. Da viele Kleinunternehmer ihre Beschäftigten im Niedriglohnbereich bezahlt haben, sorgt die Neuregelung zusätzlich für eine Kostenerhöhung, die sich der eine oder andere sicher nicht mehr leisten kann. Insofern wird die Mindestlohngesetzgebung sicher nicht dazu beitragen, dass das Thema Armut in Deutschland vom Tisch ist. Dabei möchte ich nicht missverstanden werden – jeder sollte angemessen für das, was er leistet, entlohnt werden. Doch genau das wird eben mit der neuen Regelung nicht erreicht.

Aber wo liegt der Schlüssel? Die Preise erhöhen? Mitarbeiter entlassen? Auf weniger lukrative Aufträge verzichten? Die Selbstständigkeit an den Nagel hängen, so wie es Herr Brenke empfielt? Oder gar nicht erst den Schritt wagen?

Die Frage lässt sich nicht pauschal klären. Wobei sich mit einer guten Marktananlyse schon einschätzen lässt, in welchen Umsatzbereichen und damit – individuell angepasst – in welchen Gewinnzonen man sich als Unternehmer bewegen wird. Aber selbst das ist nicht die Antwort.
Schon 2001, als ich mich als Journalistin selbstständig gemacht habe, war klar, dass die Zahl der hochbezahlten, freien Edelfedern auf ein kleines überschaubares Grüppchen geschrumpft ist, dass die große Masse der schreibenden Zunft wohl eher im Haifischbecken und Blutsaugerdschungel um jeden Auftrag kämpft und dass sich diese Situation durch den rasanten Wandel der Branche auch zeitnah nicht ändern würde. Das hat mich allerdings nicht davon abgehalten mich ins Getümmel zu stürzen. Überlebt habe ich bisher durch ein hohes Maß an Engagement und manchmal auch durch eine gewisse Blut, Schweiß und Tränen Mentalität, bei der ich mich auch oft genug frage, warum ich mir das antue. „Weil ich es so will!“, lautet die Antwort. Weil ich diesen Beruf liebe und mir die Freiheit der Selbstständigkeit mehr wert ist, als die große Karriere oder das große Geld. Aber das ist meine Antwort. Sie müssen Ihre eigene finden.

Fakt ist, dass es den wenigsten Selbstständigen vergönnt ist, von Anfang an in der oberen Liga mitzuspielen. Manchen gelingt es auch nie. Viele geben auch wieder auf. Die Voraussetzungen sind momentan alles andere als rosig, aber darauf zu warten, dass es besser wird, ist auch keine Lösung. Das ist ähnlich wie die Sache mit dem Kinderkriegen. Wer immer auf den richtigen Zeitpunkt hofft, der verpasst ihn irgendwann ganz.

Insofern lautet mein Rat sich nicht von Hiobsbotschaften, wie der aktuellen in der WELT entmutigen zu lassen, sondern stattdessen gut zu planen und den eigenen Weg zu finden. Der Buchautor Steven Pressfield hat es so wunderbar gesagt: „Betrügen Sie uns nicht um Ihren Beitrag. Geben Sie uns alles, was Sie haben.“

Auf dieses Thema gibt es 2 Reaktionen

  1. Wer 5 Jahre nach der Gründung noch „im Geschäft ist“ hat sehr viele Erfahrungen gesammelt und sehr viele Menschen, Produkte, Systeme etc. bewegt. Selbst bei niedrigem Einkommen kann man daher bei besten Willen nicht mehr davon sprechen, dass es sich noch um Gründer handelt, sondern um erfahrene Unternehmerinnen und Unternehmer.
    Das Einkommen allein sagt nur sehr wenig über den Sinn, den Wert und die Qualität von Selbstständigkeiten aus. Und wie beim Angestellten einen Stundenlohn zu errechnen, wie es in dem Welt-Artikel geschieht, ist totaler Quatsch, da die vielen anderen Vorteile, wie z.B. die freie Zeiteinteilung, das selbstbestimmte Treffen von Entscheidungen, die Flexibilität in jeder Hinsicht, etc. ein Gewinn sind, der sich nicht in Euro ausdrücken läßt. Für immer mehr Gründer sind aber genau das die attraktiven Faktoren der Selbstständigkeit.

  2. K. S.

    „Das Einkommen allein sagt nur sehr wenig über den Sinn, den Wert und die Qualität von Selbstständigkeiten aus.“ Völlig richtig, nur braucht man für sich (und vielleicht auch andere Personen) einen gewissen Finanzertrag. Ich sehe hier auch die Politik in der Verantwortung, hoch dotierte sinnlose Jobs zugunsten sinnvoller zu demontieren. Was bringen Leistungssportler beispielsweise der Gesellschaft? Ist nicht jeder Krankenwagenfahrer wichtiger als ein Rennraser? Haben die Fußball-Hooligans noch etwas mit Gesundheit und Völkerverständigung zu tun?

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